Bevor man einen Blick in die Zukunft riskiert sollte man einen intensiven in die Vergangenheit werfen. Aus dem bisherigen Weg lässt sich am ehesten erkennen, wo er in Zukunft hinführen wird. Die SPD ist mit Recht stolz auf ihre Geschichte. Als sie am 23. Mai 1863 noch als ADAV gegründet wurde, war ihre Rolle eindeutig. Sie vertrat die Arbeiter, deren Lebensbedingungen in Zeiten der europäischen und deutschen Industrialisierung zum größten Teil deprimierend waren und heute an die Zustände in manchem Entwicklungsland erinnern. Zu ihren Verdiensten gehört, die Verhältnisse der Arbeiter in harten Kämpfen wesentlich verbessert zu haben.

Der dauernde Clinch, im Schulterschluss mit den Gewerkschaften, mit den Arbeitgebern hat die Perspektive allerdings sehr verengt und den Blick auf den Wandel der Gesellschaft verbaut. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders waren die Arbeiter durch Vollbeschäftigung begünstigt und kamen mit eigener Initiative häufig schneller weiter als durch politische oder gewerkschaftliche Vertretung. Diese war erst wieder gefragt, als die Konjunktur nachließ und die Sicherung des Erreichten wichtig wurde.

An diesem Punkt blieben aber besonders die Gewerkschaften nicht stehen. Es wurden immer höhere Forderungen nicht nur in Punkto Löhne sondern auch der Arbeitszeit und des Urlaubsanspruches durchgesetzt. Die Folge davon waren die ersten Produktionsverlagerungen ins Ausland. Der Verlust heimischer Arbeitsplätze war die Konsequenz. Hier tat sich dann wieder ein Betätigungsfeld für die Politik auf. Man nahm sich der Arbeitslosen an um sie vor dem sozialen Absturz zu bewahren. Jedoch tat man zu viel des Guten, mit dem Ergebnis, dass sich schon für die ersten die Wiederaufnahme einer Tätigkeit nicht lohnte. Der Langzeitarbeitslose war geboren. Die dadurch steigenden Sozialkosten flossen logischerweise wieder in die Produktpreise ein mit dem Resultat, dass sich die Deutschen ihre eigene Arbeit nicht mehr leisten können. Der Normalverbraucher muss heute im Schnitt selber drei Stunden arbeiten um sich eine Handwerkerstunde leisten zu können.

Der typische SPD Wähler war ab einem bestimmten Punkt nicht mehr der Facharbeiter sondern der Arbeitslose, Langzeitarbeitslose und Sozialhilfeempfänger. Eine Wählerklientel, die heute eher die Linke wählt, weil von dort noch mehr versprochen wird. Die steigenden Kosten für die Empfänger von Transferleistungen können aber nur durch den arbeitenden Teil der Gesellschaft erbracht werden, wenn man diese nicht durch Schulden finanzieren will oder kann. Es gibt definitiv nicht genug Reiche, die man zur Kasse bitten könnte ohne diese selber zu Sozialfällen zu machen. Der traditionelle Arbeiter ist ein konservativer Mensch. Deshalb hat er auch lange nicht reagiert. Sein über Jahre sinkendes Realeinkommen hat er hingenommen. Ebenso den morgendlichen Blick auf die noch heruntergelassenen Rollläden seines nachbarlichen Sozialhilfeempfängers, als er zur Arbeit ging. Seine Geduld scheint jetzt aber wohl am Ende. Bei diesen Bundestagswahlen ist er aus Enttäuschung gar nicht mehr wählen gegangen oder hat gleich FDP gewählt, weil ihm das mit dem „Arbeit muss sich wieder lohnen“ gefällt.  Die SPD täte also gut daran, sich wieder für diese Menschen stark zu machen und nicht für eine Wählergruppe von Arbeitsverweigerern, um die sie auch noch mit der EX SED kämpfen muss. Dies erfordert allerdings ein radikales Umdenken. Die Bedürfnisse des heutigen Arbeiters liegen völlig anders als vor 100 Jahren. Es geht ihm seinen Möglichkeiten entsprechend eigentlich sehr gut. Alle Einschränkungen erfolgen heute lediglich durch den Staat. Mehr Freiheit und eine Verbesserung der Möglichkeiten ergeben sich heute nur durch ein größeres Arbeitsplatzangebot. Hier die Voraussetzungen zu schaffen erfordert allerdings eine völlig andere Politik.

Zurück zum Blick in die Zukunft. Offensichtlich setzt sich augenblicklich der linke Flügel der SPD durch. Mit Sigmar Gabriel, Andrea Nahles und Klaus Wowereit kommen auch die Experten der sozialen Gerechtigkeit und der Umverteilung zum Zuge. Damit verbunden ist auch ein deutlicher Linksruck Richtung Ex SED. Beide Parteien werden sich also gegenseitig die Wähler streitig machen, deren Potential ich bei 15% einschätze. Der traditionelle Arbeiter bzw. Angestellte, noch durch den kalten Krieg geprägt, wird nicht mehr dabei sein. Für ihn sind die DDR Genossen zu abschreckend. Er wird also weiterhin nicht wählen oder sich weiterhin anders orientieren.

Eine Fusion beider Parteien ist nicht auszuschließen und wäre sogar eine logische Konsequenz wegen der dann praktisch gleichen Zielsetzungen. Dies wäre das Ende der Sozialdemokratie in Deutschland, sofern man Angela Merkels CDU nicht schon als Nachfolger im Geiste sieht oder die FDP als neue Arbeiter- und Angestelltenpartei. Summa summarum ein unrühmliches Ende, das verhindert werden sollte. Die neue Parteispitze müsste sich dringend daran erinnern, wofür die SPD einmal gegründet wurde und sich wieder den Bedürfnissen der Arbeiter und Angestellten zuwenden. Auch wenn diese heute anders sind als vor bald 150 Jahren.