Zu Kaisers Zeiten und im III. Reich galt noch der Grundsatz von Clausewitz, dass der Krieg ein Mittel zur Durchsetzung des eigenen politischen Willens ist. Doch nach zwei verlorenen Weltkriegen mit aus heutiger Sicht zweifelhaften moralischen Zielen verzichtete die Bundesrepublik Deutschland auf alle außenpolitischen Ambitionen. Richtschnur deutscher Politik wurde die vermutete Reaktion ausländischer Meinungsmacher. Man wurde bescheiden. Doch bei dieser Bescheidenheit blieb es nicht. Aus dem sicherheitspolitischen Bereich heraus, mit seiner defensiven Doktrin, entwickelte eine radikale Art von Pazifismus eine Eigendynamik, die letztendlich die ganze Gesellschaft durchdrungen hat. Dabei geht es nicht um Pazifismus im militärischen Sinne sondern in der Konfliktbehandlung. Keine Seite mit deutschen Vertretern hat heute noch allen Ernstes vor ihre Forderungen auch durch zu setzen. Das Ziel heutiger Verhandlungen ist direkt ein Kompromiss am vielgepriesenen runden Tisch.
Mit Wegfall des Eisernen Vorhangs rückte Deutschland jedoch stärker auf die internationale politische Bühne und wurde mit Forderungen konfrontiert, auf die die Scheckbuchpolitik wie zu Zeiten von Hans-Dietrich Genscher als Außenminister, keine Antwort mehr geben konnte. Einmal war die Kasse leer und es lässt sich eben nicht alles mit Geld kaufen. Deutsche Verhandlungspartner kamen zwar noch an den Tisch, aber der war nicht mehr rund und die andere Seite hatte ganz konkrete Forderungen und erwies sich regelmäßig als knochenhart. In ihrer Hilflosigkeit geben deutsche Unterhändler seitdem regelmäßig nach und investieren lieber mehr Energie um auch aus dem schlechtesten Ergebnis noch etwas Positives zu interpretieren als den eigenen Standpunkt kompromisslos zu vertreten.
Der Mangel an eigenem Willen auch nur das eigene System und geschweige denn eigene Werte zu verteidigen wird bei den Einsätzen der Bundesmarine besonders deutlich. Am Horn von Afrika dürfen bestens ausgebildete und ausgerüstete Soldaten ein verdächtiges Schiff nur kontrollieren wenn der Kapitän damit einverstanden ist. Das die Marine durch diese Auflage zum Gespött bei Freund und Feind wird ist unverzeihlich. Ein Verzicht auf den Einsatz wäre ehrlicher gewesen.
Das jüngste Beispiel ist die Flucht eines als besonders brutal geltenden Talibanführers bei einer Operation des KSK in Afghanistan. Schießen dürfen die deutschen Soldaten nur, wenn sie angegriffen werden. Aus politischen Kreisen war zu hören, dass eine Tötung des Terroristen „unproportional“ gewesen wäre. Nun kann er also weiter morden.
Der Kampf gegen Taliban und Al Quaida wäre relativ schnell zu gewinnen, wenn der NATO endlich einmal ausreichend Personal zur Verfügung stände. Dieses getraut sich die Regierung aber aus innenpolitischen Gründen nicht zu stellen. Zuviel Angst herrscht bei den Verantwortlichen vor den populistischen Attacken von Grünen und Linken. Also riskiert man lieber einen längeren Einsatz mit entsprechenden Risiken auf Kosten der Truppe. Doch nicht nur die Ergebnisse von Umfragen sind wichtiger als die Unversehrtheit der eigenen Soldaten. Wenn die politische Kaste und die von ihr eingelullte Bevölkerung merken, dass demonstrative Schwäche Angriffe geradezu provoziert wird der Preis für die Korrektur dieses Fehlers deutlich höher sein. Nicht zuletzt als Blutzoll.
Was ist die Ursache für den Mangel an politischen Zielen und dem Willen diese auch durchzusetzen? Es scheint eine konkrete Angst zu bestehen, dass man Erfolg haben könnte. Es ist die Angst plötzlich als Gewinner auf dem Kampfplatz stehen. Die deutsche Gesellschaft kann sich nicht mehr vorstellen zu den Siegern, außer vielleicht beim Sport, zu gehören und versucht es deshalb gar nicht erst. Siegen scheint etwas Unmoralisches geworden zu sein, dass man lieber anderen überlässt. Damit gibt man aber auch seine Werte auf.